Oper in den europäischen Kulturhauptstädten 2011 – „Aiadne auf Naxos“ in Turku / „Attila“ in Tallinn

Sune Manninen. Der Neue Merker. 11. august 2011.

Wer ein Konzert bzw. eine Opernaufführung, von VALERY GERGIEV geleitet, besucht, sollte viel Zeit mitbringen, denn der als notorisch unpünktlich geltende Dirigent lässt das Publikum im Normalfall auf den Beginn warten; mindestens 20 Minuten sind eher die Regel als die Ausnahme.

In St. Petersburg kann man häufig ein ungeduldiges Klatschen hören, mit dem man ihn aus seinem Büro herauszulocken versucht. In Turku, einer der europäischen Kulturhauptstädte 2011, gab es sogar einen durchdringenden Pfiff. Am nächsten Tag in der Zeitung dann die Überschrift „Warum kam Gergiev 20 Minuten zu spät?“. Eigentlich sollte es heißen „Warum kam Gergiev nur 20 Minuten zu spät?“. Das Publikum bei seinem Festival im finnischen Mikkeli kann ein Lied davon singen, hatte es doch einmal eine ganze Stunde warten müssen, weil die Maschine des per Privatflugzeug eintrudelnden Maestros keine Landeerlaubnis erhalten hatte. Dieser Mann ist eben nicht nur Dirigent, sondern Ein-Mann-Direktorium und führt selbst noch beim Umkleiden zwischen Ende der Probe und Beginn des Konzerts per Mobiltelefon Planungsgespräche.

Straussens „Ariadne auf Naxos“, mit der man am 11.8. beim Musikfestival im westfinnischen Turku gastierte, hatte unbedingt der Proben bedurft, nicht nur, weil sie hier lediglich konzertant aufgeführt wurde, sondern im Gegensatz zu St. Petersburg, wo eine deutsch-russische Mischfassung gegeben wird, komplett auf Deutsch. An der Aussprache war hörbar gearbeitet worden. Unbefriedigend war vor allem die Balance zwischen Orchester und den Sängern, denn die Musiker waren auf der Bühne postiert mit den Sängern vor bzw. neben dem Dirigenten. Trotz aller Bemühungen Gergievs, das Orchester im Volumen zu drosseln, hatten vor allem diejenigen Zuhörer Probleme, die das Stück von der Bühne her kannten und an eine andere Sänger-Orchester-Balance gewohnt waren.

Aufgeboten war die erste Besetzung des Theaters, die „Ariadne“ erst vor kurzer Zeit zur Premiere gebracht hatte. In ANNA MARKAROVA (Ariadne) scheint man nach langer Zeit endlich wieder einen hochkarätigen Spinto-Sopran gefunden zu haben. Bis vor Kurzem war Markarova noch als Mezzo engagiert (u.a. als Amneris). Nach geglücktem Fachwechsel singt sie jetzt u.a. Aida, Ballo-Amelia, Attila-Odabella. Ein interessant dunkel timbriertes Material von großem Volumen, stilistisch vielleicht nicht ganz Strauss-nah, durch die dunkle Färbung nicht immer ganz textverständlich. Warum OLGA PUDOVA (Zerbinetta), bisher der Mariinsky-Akademie für junge Sänger angehörig, noch nicht ins Ensemble übernommen wurde, ist mir nicht ganz einsichtig angesichts der Mühelosigkeit, mit der sie alle Tücken der hoch notierten Partie beherrschte. Gerade Gewinnerin des 3. Preises bei Domingos Operalia, sollte einer großen Karriere im Westen nichts im Wege stehen! Ebenfalls selten habe ich einen Komponisten derart mühelos alle Schwierigkeiten dieser Rolle bewältigen hören wie MARIA MAKSAKOVA. Wenn ich in den Jubel um diese junge und bildschöne Sängerin (Enkelin der gleichnamigen Altistin, Tochter der berühmten Filmschauspielerin Lyudmila Maksakova) nicht so ganz einstimme, dann vor allem deshalb, weil mir das metallische Timbre zu wenig individuell ist, zu wenig im Ohr haften bleibt. Leider war der Bacchus (des nicht als krank angesagten) SERGEY SKOROKHODOVs durch eine unüberhörbare Indisposition an der Entfaltung seiner Möglichkeiten gehindert, sollte also fairerweise von einer Kritik ausgenommen werden. Das Nymphenterzett habe ich selten so klangschön gehört: Kompliment an ANASTASIA KALAGINA (Najade), ELEONORA VINDAU (Echo) und ANNA KIKNADZE (Dryade), deren Stimmen perfekt miteinander harmonierten. Von den Männern war in den kleineren Rollen eher Durchschnittliches zu vernehmen, mit Ausnahme eines Harlekins (VIKTOR KOROTICH), der mit einem über das Kavalierbaritonfach herausreichenden Material aufhorchen ließ. Unterdurchschnittlich, sogar ärgerlich NIKOLAY KAMENSKY als arg akzentbehafteter und seinen Part herunter haspelnder Haushofmeister, doch sollte man wissen, dass diese Rolle in St. Petersburg auf Russisch (von einer litauischen Schauspielerin) gegeben wird und Kamensky (eigentlich der Haus-Buffo) sie vor vielen Jahren letzmalig gegeben hatte.

VALERY GERGIEV, bekanntermaßen ein hervorragender prima-vista-Dirigent, hatte die Einstudierung in St. Petersburg – wie üblich – einem Assistenten überlassen und auch nur die Premiere am 9.3. geleitet, die Folgevorstellungen einem anderen Dirigenten überlassen. Dies vorausgeschickt, konnte man wieder einmal seine kapellmeisterlichen Fähigkeiten bewundern, mit denen er eine (nach westlichen Maßstäben) kaum geprobte Aufführung unfallfrei über die Runden brachte und mit seinem im prima-vista-Spiel vertrauten Elite-Orchester einen rauschhaften, aber jederzeit sängerfreundlichen Strauss-Klang produzierte.

Im Gegensatz dazu war Verdis „Attila“ (13.8.) in der zweiten europäischen Kulturhaupststadt, im estnischen Tallinn, ausgiebig geprobt worden, hatte es doch einen guten Monat davor Aufführungen in Pärnu und Tartto gegeben. Diesmal waren die Bedingungen jedoch andere. Hatten diese in, wenn auch kleinen, Theatern stattgefunden, war in Tallinn ein mitteltalterliches Kloster der Austragungsort, als Teil eines einwöchigen, vom Dirigenten Eri Klas geleiteten Festivals. Das Bühnenbild (MADIS NURMS) musste diesen Bedingungen eingepasst werden; die futuristischen Kostüme waren dieselben wie in Pärnu. Neu für mich war der Dirigent, ich scheue mich nicht zu sagen, eine Entdeckung. ERKI PEHK scheint, nach diesem ersten Eindruck zu urteilen, ein hervorragender Kapellmeister zu sein, sein Handwerk vollkommen beherrschend. Ihm gelang mit Chor und Orchester aus dem litauischen Kaunas eine mitreißende Wiedergabe von Verdis frühem Meisterwerk, voller Brio, aber auch die lyrischen Momente wunderschön auskostend. Diesen Dirigenten würde ich gerne wiederhören!!!

Dies Sänger waren dieselben wie in Pärnu, die hier unter veränderten Bedingungen singen mussten, musste ihr Gesang hier, unter den Bedingungen einer quasi-open-air-Aufführung, doch per Mikroport verstärkt werden. Mein Hauptinteresse galt wieder dem Attila des erst 24jährigen weißrussischen Bassisten ANATOLI SIUKO, dem ich bei vorsichtiger Entwicklung eine große Karriere voraussagen möchte. Ein individuelles, sofort im Ohr haften bleibendes Timbre, außerordentlich klangreich und homogen geführt, Typ basso cantante, ohne seine Möglichkeiten durch Forcieren jemals zu überschreiten. Jedoch sollte er sich hüten, sein Material zu sehr einzudunkeln, worauf gelegentliche Intonationsprobleme zurückzuführen waren. Jedoch ein Name, den man sich unbedingt merken sollte! Die Litauerin SANDRA JANUŠAITE (Odabella) besitzt nicht die individuellste aller Klangfarben, imponierte aber wieder durch die Sicherheit, mit der sie alle Schwierigkeiten von Lyrik über Beweglichkeit bis hin zu Dramatik meisterte. VLADISLAV SULIMSKYs Ezio: ein genuiner Verdi-Bariton von herrlicher Klangentfaltung. Der in Erfurt engagierte ERIK FENTON (Foresto) scheint auf dem besten Weg zu einem überdurchschnittlichen Spinto-Tenor zu sein. Alles in allem war nicht nur die Begegnung mit Verdis Meisterwerk wert, die Reise nach Tallinn zu unternehmen. Kompliment an die Verantwortlichen, ein derart überzeugendes Stückensemble verpflichtet zu haben.