PromFest 2011 in Pärnu holte die grandiose „Attila“ aus der Vergessenheit

Aino Siebert. Baltische Rundschau. 9. juuni 2011.

Pärnu/BR. “Attila“ ist die neunte Oper von Giuseppe Verdi. Das Libretto von Temistockle Solera, vollendet von Francesco Maria Piave, basiert auf der romantischen Tragödie “Attila, König der Hunnen” von Zacharias Werner. Die Uraufführung des Drama lirico fand am 17. März 1846 im Teatro La Fenice in Venedig statt und erhöhte Verdis Popularität deutlich. Der Notenkünstler selbst schrieb an die Gräfin Maffei am Tag der Premiere von einem „anständigen Erfolg“.

v.l. Sandra Janusaite, Erki Pehk und Anatoli Siuko werden vom Publikum gefeiert

Pärnu/BR. “Attila“ ist die neunte Oper von Giuseppe Verdi. Das Libretto von Temistockle Solera, vollendet von Francesco Maria Piave, basiert auf der romantischen Tragödie “Attila, König der Hunnen” von Zacharias Werner. Die Uraufführung des Drama lirico fand am 17. März 1846 im Teatro La Fenice in Venedig statt und erhöhte Verdis Popularität deutlich. Der Notenkünstler selbst schrieb an die Gräfin Maffei am Tag der Premiere von einem „anständigen Erfolg“.


Der Hunnenkönig Attila war der erfolgreichste Eroberer zur Zeit der Völkerwanderung. 452 fiel er mit seinem Heer in Italien ein und zerstörte die Stadt Alquileia. Die Bewohner flohen in die venezianischen Lagunen und legten damit die Keimzelle heutigen Venedigs.


Noch im selben Jahr konnte Papst Leo den Hunnenführer zum Abzug bewegen. Attila starb 453 in der Hochzeitsnacht mit seiner letzten Frau, der Gotin Ildikó (Hildico) an einem Blutsturz. Nach einer späteren Überlieferung wurde er von Hildico ermordet. Der ehrgeizige weströmische Feldherr Flavius Aëtius, in der Oper Ezio genannt, ist in dem Musikdrama zunächst der Unterhändler von Valentinian III. Nachdem Aëtius zu mächtig werden drohte, wurde er im Jahre 454 von dem weströmischen Kaiser eigenhändig ermordet.



Erik Fenton als Foresto


 Das Musikdrama „Attila“ spielt ebenfalls in den adriatischen Lagunen und in Rom in der Mitte des 5. Jahrhunderts. Der heidnische Hunnenführer besetzt Aquileia, lässt dessen Machthaber töten und will von hier aus Rom angreifen. Odabella, die Tochter des Herrschers beeindruckt Attila mit ihrem Mut und ihrer Schönheit, so dass er um sie wirbt. Doch die stolze junge Frau will den Tod ihres Vaters rächen. Sowohl der römische Feldherr Ezio als auch Odabellas Anbeter Foresto, und die Frau selbst wollen aus unterschiedlichen Beweggründen das Heimatland vom Eroberer befreien. Verdi hatte mit „Nabucco“ und den „Lombarden“ bereits zwei Choropern komponiert, die von der italienischen Einigungsbewegung begeistert aufgenommen worden waren. Nach dem Misserfolg mit „Alzira“ knüpfte Verdis „Attila“ thematisch erneut an die Einigungsbestrebungen im zerrissenen Italien an. So gibt es in Musikstück viele patriotische Anspielungen. Aus diesem Grund eroberte das Werk schnell die Opernbühnen Italiens. Schon bei der zweiten Vorstellung kannte die Begeisterung nach dem Duett Ezio – Attila im Prolog keine Grenzen.


 

Wladislaw Sulimski in der Rolle des Ezio



In einer Textzeile, während der Verhandlungen mit Attila, singt Ezio:
Avrai tu l´universo, resti l´Italia, resti l`Italia a me.
  (Du magst das Universum haben, doch überlaß Italien mir.)

  Der Satz fällt in die Schlusszeile der Gesangsstrophe und wird in der letzten Minute des Duetts vierzehn Mal wiederholt. Das Publikum des damals von den damals Habsburgern regierten Venedigs verstand den Sinn dieser Worte. Zwei Jahre später, in den Revolutionsjahren 1848/49 kam es in ganz Italien zu massiven Aufständen der Einigungsbewegung.

1964 fand in Bremerhaven die deutsche Erstaufführung der Oper in italienischer Sprache unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Hans Kindler statt, mit Anita Salta als Odabella. Anlässlich der Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 2000 gab es eine gleichermaßen erfolgreiche Neuinszenierung.

Im Mekka der europäischen Oper, in der mailändischen La Scala, fand die Premiere der Geschichte von dem heidnischen Monarchen 1975 statt.



Riina und Enn Rand sind große Opernfreunde und sponsoren die Veranstaltung von Anfang an

Ein Jahr später brachte Arne Mikk im damals sowjetischen Estland das in Vergessenheit geratene Musikdrama von Giuseppe Verdi auf die Bühne – auf Anregung des bekannten estnischen Basses Mati Palm, der in Pärnu in der kleinen Rolle von Papst Leo I. zu hören war. In der „Estonia“ Premiere sang Mati Palm selbst die Partie des Hunnenkönigs. Vor dieser estnischen Inszenierung hatte sich in der Sowjetunion kein Theater mit „Attila“ beschäftigt, deswegen war es schon eine sehr mutige Entscheidung des Nationaltheaters „Estonia“ das Musikdrama in Tallinn aufzuführen.


Gourmetstück für Opernfreunde

Operntheater gehen oft den bequemsten Weg: Sie spielen lieber Stücke, bei denen die Besucherzahlen garantiert sind. So erlebt man in der Theatern unzählige „Traviata´s“ oder „Rigoletto´s“ und nur wenige Musikdramen, die in Vergessenheit geraten sind. Auch nach der Premiere in Estland 1976 verschwand die Story vom Hunnenführer bald von der Bühne, obwohl die Inszenierung nicht nur von heimischen, sondern auch europäischen Kritikern begeistert aufgenommen wurde.



Madis Nurms mit dem von ihm entworfenen Chorkostüm

Die Herzen der Opernfreunden sehnen sich doch nach Gourmetmusik, sie möchten etwas Neues erleben. So kann man von Glück reden, dass Anatalo Siuko aus Weißrussland vor zwei Jahren den Solistenwettbewerb von Klaudia Taev gewann und sich „Attila“ von dem italienischen – Starkomponisten für das aktuelle PromFest – Pärnu International Opera Music Festival – ausgewählte. Gewiss, die Rolle des Monarchen der Hunnen ist für den romantischen Bass fast ein Muss.

In dem kleinen Estland fürchtet sich nicht vor Neuem und so brachte Üllar Saaremäe ohne Berührungsängste „Attila“ gemeinsam mit dem Dirigenten und dem musikalischen Leiter des PromFestes 2011 auf die Bühne des Pärnuer „Endla“-Theaters, trotz des sehr jungen Sängers Anatoli Siuko, der erst 23 Jahre alt ist.

Der Weißrusse legte den Grundstein zu seiner Karriere 2004-2008 an der Musikschule von Maladzetschna, bevor er dann zur Staatlichen Musikakademie von Weißrussland in Minsk wechselte. Dort studiert er seit sechs Semestern Gesang. Als Student war Anatoli Siuko auf mehreren Bühnen zu hören, so im Berliner Konzerthaus in Deutschland.

Siuko´s Attila war kraftvoll, sexy, und überzeugend. Er hat sein Bestes gegeben und das Pärnuer Publikum belohnte seine Darstellung mit warmen Applaus und „Bravo“-Rufen.



Musikalischer Leiter Erki Pehk



Auch Sandra Janušaité (Litauen) in der Rolle der Odabella war einmalig. Verdi´s Heldin ist nicht wie seine früheren weiblichen Figuren zurückhaltend, sie ist mutig: Offen ruft sie nach der Gerechtigkeit und kämpft für die Gleichberechtigung der Frauen und Männer. Die Sopranistin studierte an der Litauischen Musikakademie sowie an der Sommerakademie des Salzburger Mozarteums bei Lilian Sukis. Ausserdem besuchte sie Meisterkurse bei Renata Scotto. Seit 2001 ist sie Solistin an der Litauischen Nationaloper in Vilnius. 2006 sang sie die Hauptrolle in der Uraufführung von G. Sodeikas Oper «Winter». Mit der Litauischen Nationaloper gastierte sie als Sieglinde («Die Walküre») beim Ravenna-Festival. Weitere Gastspiele führten sie nach Großbritannien, Italien, Russland und in die Niederlande.

In der Rolle von Foresto war Erik Fenton aus der USA zu hören. Der Mathematiker und Physiker ist ein hervorragender Sänger. Der Tenor absolvierte eine Gesangsausbildung an der Indiana University School of Music und sang bereits während des Studiums Rollen wie „Andres“ (Wozzeck) und „Des Grieux“ (Manon). Sein professionelles Debüt gab er als „Tonio“ (La fille du régiment) an der Lyric Opera Cleveland. Sein Deutschland-Debüt hatte er 2003 als „Hans“ (Die verkaufte Braut) in München.

Wladislaw Sulimski sang die Rolle des Ezio. Der in Russland lebende Weißrusse studierte am die staatlichen Rimski-Korsakow-Konservatorium in St. Petersburg, ab 2004 ist er der führende Bariton des weltbekannten Maria-Theaters in der Newa-Stadt.


Mati Palm als Papst Leo I. Der Este sang 1976 im Estonia den Attila

Neben andere Solisten sangen auch Erik Fenton und Wladislaw Sulimski sich in die Herzen des estnischen Opernpublikums. Alle Rollen waren von dem musikalischen Leiter Erki Pehk und Regisseur Üllar Saaremäe ausgezeichnet besetzt – nicht nur musikalisch, sondern dazu noch schauspielerisch.

Das einfache und doch durchaus interessante Bühnenbild und die extravaganten Kostüme von Madis Nurms vervollständigten den Gesamteindruck auf positive Weise.

Vor einem Jahr haben im übrigen auch die weltberühmte Metropolitan Opera und das Maria Theater in St. Petersburg zum ersten Mal in ihrer Geschichte „Attila“ für sich entdeckt.